Bürgerstiftung Hannover

"Ich bin wertvoll, Du auch"

Seit 2008 leitet Hanna Ates den Kindertreffpunkt butze 22 im Wohnviertel "Am Spargelacker" in Bemerode.

Frau Ates, Sie sind die Leiterin der butze 22. Können Sie uns erzählen, wie es dazu kam und wie es los ging?

Im Wohnviertel „Am Spargelacker“, in Bemerode, sah die Evangelisch Freikirchliche Gemeinde (EFG) am Döhrener Turm in 2004 den dringenden Bedarf, sich sozial zu engagieren, da sich hier zunehmend soziale Schwierigkeiten aufzeigten. Es existierten bereits vom gleichen Träger ein Flüchtlingswohnheim in der Hildesheimer Str., ein Schülerbistro und das Jugendzentrum in Bemerode. Zusammen mit der Stadt Hannover wurde deshalb speziell für Kinder, im Alter von 8-14 Jahren, die offene Einrichtung der Kindertreffpunkt butze 22 gegründet. Die Räumlichkeiten dazu fand man in der Mitte des Wohngebietes, einer Wohnung zu ebener Erde, in der damals nur Baureste lagerten. Mit vereinten Kräften richtete man daraufhin diesen kleinen, aber feinen Treffpunkt ein.

Wer ist der Träger des Projekts?

Träger des Projekts ist nach wie vor die EFG am Döhrener Turm und der Jugendverband der Evangelischen Freikirche Hannover (JEF). Bei wichtigen Entscheidungen und Planungen arbeite ich mit dem Entscheidungsgremium zusammen, dem Trägerkreis.

Frau Ates, Sie haben sehr hohe Zielsetzungen mit Ihrem Projekt: Wertschätzung, Sozialkompetenz, Integration, Gewaltprävention, Lernmotivation. Welches ist das Konzept, das Ihrem Plan zugrunde liegt?

Einmal versuchen wir die Internationalität unserer Besuchskinder durch die Internationalität unserer Mitarbeiter aufzufangen. Genauso wie die Kinder kommen die Mitarbeiterinnen des Kernteams aus verschiedenen Ländern und gehören verschiedenen Religionen an. So üben sich alle in gegenseitiger Achtung, Rücksichtnahme und Verständnis. Wichtig ist die pädagogische Betreuung der Kinder, die Förderung ihrer Persönlichkeitsentwicklung und Integration. Auch wenn es in der butze eng ist - wie der Name schon sagt -, sind hier alle Kinder willkommen, können sich entfalten und erfahren die Wertschätzung, die ihnen häufig zuhause oder in der Schule fehlt.

Wie erfolgte dann die Errichtung des Projekts und wie wurde es in der Nachbarschaft und in der Öffentlichkeit aufgenommen?

Für den Aufbau der butze 22 mussten viele Genehmigungen eingeholt werden, Umbaumaßnahmen geplant und organisiert und die Räumlichkeiten eigens dafür hergerichtet werden. Mit dem Trägerkreis und einer großen Zahl Ehrenamtlicher aus der Gemeinde hatte man aber viel Hilfe. Die Resonanz der Familien und in der Öffentlichkeit ist stetig gewachsen. Über 90 % der Kinder stammen aus Familien mit Migrationshintergrund. Die Stadt Hannover hat über die GBH das Belegungsrecht in diesem Wohngebiet. Vom Stadtbezirksrat, der Stadt Hannover, vielen anderen Institutionen und Menschen im öffentlichen Leben wird gesehen, welche wertvolle Arbeit wir hier leisten, so dass wir uns vielfach bestätigt sehen.

In dem Wohnhaus, in dem wir zum Innenhof hin die Räumlichkeiten haben, sind die Mieter über uns sehr kooperativ. Sie haben selber Kinder bei uns. Für andere Mieter wäre es direkt über uns wohl zu laut. In der Nachbarschaft toleriert man den Geräuschpegel, denn das ist vielen aus ihren Heimatländern vertraut.

Wie viele teilnehmende Kinder haben Sie zurzeit und aus welchen Ländern kommen sie hauptsächlich?

Zu unseren Öffnungszeiten, von 12-18 Uhr, kommen 20 bis 30 Kinder und nehmen am: Mittagsbistro, der Lernwerkstatt mit Hausaufgabenhilfe, der Aktionszeit mit Sport, Spiel, Kreativ- und Musikwerkstatt und dem gemeinsamen Abendessen teil. und zum gemeinsamen Abendessen. Insgesamt kenne ich 80 Kinder mit Namen, davon sind 40 Kinder Stammbesucher. Die Eltern der Kinder kommen aus 14 verschiedenen Ländern. Ein großer Teil stammt aus Krisen- und Kriegsgebieten, osteuropäischen Ländern, Afrika und Vorderasien.                                                         

Haben Sie Kontakt zu den Jugendlichen, wenn sie die butze verlassen haben?

Manche kommen gelegentlich zu einem Besuch, oder brauchen eine Hilfe, einige werden Helfer im Mitarbeiterteam. Eine junge Frau aus dem Wohngebiet wird jetzt bei uns Mitarbeiterin im Rahmen des Bundesfreiwilligendienstes. Die meisten treffe ich zufällig draußen auf dem Weg zum Auto, wenn ich nach Hause fahren will. Durch unseren Kooperationspartner, das Jugendzentrum Bemerode, sind wir in regulärer Verbindung.

Haben sie schwierige Kinder?

Das Schwierige sind eher die Familien, insbesondere die Eltern. Sie verstehen meist besser deutsch als sie sprechen können und haben in der Regel einen niedrigen Bildungsstand. Deshalb ist es wichtig, dass wir die Elternsprechstunde haben, in der sie kommen können und ich ihnen helfen, bzw. sie weiter vermitteln kann. Manchmal sind es Gespräche, ein anderes mal ist es ein Behördentelefonat... das kostet zusätzliche Zeit und Aufmerksamkeit.

Wie groß ist Ihr Team, und welche Ausbildung haben die Mitarbeiter?

Wir sind ein Team mit 22 Personen, die aktiv in der butze mitarbeiten. Das internationale Kernteam besteht aus: 1 Leiterin, 1 päd. Mitarbeiterin, 1 Köchin, 1 Reinigungskraft. Dazu kommen 14 Ehrenamtliche, die im Durchschnitt ca. zwei Stunden pro Woche, beim Mittagsbistro, bei der Hausaufgabenhilfe, Lernwerkstatt und im Freizeitprogramm mitarbeiten. Des weiteren arbeiten noch 4 Bundesfreiwilligendienst Mitarbeiter, die meist gerade Abitur gemacht haben, über die gesamte Öffnungszeit mit und übernehmen, im Anschluss an die Öffnungszeit von 18-19 Uhr Einzelförderungen.

Das Altersspektrum, das Bildungsniveau und die beruflichen sowie persönlichen Qualifikationen der Mitarbeiter sind sehr verschieden. Im Mitarbeiterteam sind auch Menschen mit einem akademischen Abschluss wie z. B. eine im Vorruhestand befindliche Oberärztin. Jeder, der hier mitarbeitet, leistet einen konstruktiven Beitrag für die butze 22 jeder an seinem Platz. Durch das große Mitarbeiterspektrum bekommen die Kinder viele verschiedene Anregungen und wir lernen  voneinander. Ich achte darauf, dass Mitarbeiter für die konkreten Aufgaben, die sie übernommen haben, die nötigen Kompetenzen mitbringen, in das Team passen und zu den Kindern respekt- und vertrauensvolle Beziehungen aufbauen können, gemäß unserem Motto „Ich bin wertvoll, Du auch“.

Es gibt eine Mitarbeitervereinbarung, die als Grundlage dient. Weitere Fortbildung findet in den regelmäßigen Teambesprechungen statt und in externen Fortbildungen, deren Teilnahme für die Ehrenamtlichen freiwillig ist.

Welche Perspektiven sehen Sie für die butze 22, was wünschen Sie sich für Ihr Projekt am meisten?

Ich sehe immer noch steigenden Bedarf an Hilfe und Unterstützung für die Kinder unserer ausländischen Mitbürger. Und ich sehe unseren Erfolg. Unser größter Wunsch wäre es, wenn es uns gelänge, einen weiteren Wochentag für die Kinder zu öffnen. Die Öffnungszeit von drei Tagen in der Woche sind einfach zu wenig. Das Zweite ist der Wunsch nach Erweiterung unserer Räumlichkeiten. Wir platzen hier aus allen Nähten. Zum Glück haben wir vor der butze eine relativ große Außenfläche für Spiele, auch der nahegelegenen Bolzplatz wird wöchentlich zum Fußballspielen genutzt. Aber bei Regenwetter geht das nur bedingt oder gar nicht, dann gibt es größeres Streitpotential. Wir hoffen, dass wir gegenüberliegende Räumlichkeiten in naher Zukunft dazu mieten können. Für die räumliche Erweiterung und für weitere Öffnungszeiten brauchen wir dringend eine Erhöhung der Finanzmittel.

Können Sie uns etwas zu Ihrem Werdegang sagen?

Von Haus aus bin ich Religionspädagogin und habe zwei Zusatzqualifikationen: Klinische Seelsorge und Supervision. Zuvor war ich für Begegnung Christen und Juden - Niedersachsen e.V.  tätig und organisierte eine Wanderausstellung. Seit 2008 habe ich die Leitung vom Kindertreffpunkt butze 22 übernommen.                                                                                                                                                     

Seit wann beschäftigen Sie sich mit dem Thema? Was interessiert Sie daran besonders?

Pädagogik war schon immer mein Lieblingsthema, als Jugendliche habe ich z. B. im Sommer eine Tasche mit einem Fachbuch, einem Fremdwörterlexikon, einem Stift und Papier gepackt, sie auf den Gepäckträger meines Fahrrads geklemmt und ein Plätzchen zum Lesen gesucht.

Das Thema Integration, Inklusion und Gewaltprävention ist ja in den letzten Jahren immer aktueller geworden. Man hat in der Öffentlichkeit und Politik erkannt, das dringend mehr und auf hohem Niveau für Kinder und Jugendliche getan werden muss. Wir wollen den Kindern eine ganzheitliche Begleitung bieten, bei der „Denken, Fühlen, Handeln“ wichtige Bausteine sind. Weil der Bereich der formellen Bildung einen wesentlichen Teil des Lebens der Kinder bestimmt und zukunftsweisend ist, habe ich die Lernwerkstatt entwickelt, die Hausaufgabenhilfe in der butze 22 verstärkt und Einzelförderungen eingeführt. Die Kinder brauchen Hilfestellung, um in der Schule mitzukommen, Lücken zu schließen und sich schulisch zu verbessern. Auch das hat Anteil an der Stärkung der Kinder. Das Ziel unserer Arbeit ist, dass wir die Kinder körperlich, seelisch und geistig stärken, damit sie nicht an den besonderen Herausforderungen scheitern, sondern sie überwinden und gestärkt aus ihnen hervorgehen – wir wünschen, dass wir ihnen dazu helfen, ein glückendes Leben, in Familie, Beruf und Gesellschaft zu führen.

Haben Sie Familie? Was sagt die Familie zu dem Projekt?

Ja, ich habe eine große Familie, die ich nicht alle nennen kann – aber um etwas zu nennen: meine erwachsene Tochter lebt mit ihrem Mann und 4 Kindern in Hamburg. Mein Mann ist, genau wie ich, viel beschäftigt. Zum Glück kann ich meine Büroarbeit von zu Hause aus erledigen. Meine Familie ist sehr tolerant und unterstützt mich mit dem Freiraum, den ich für die Arbeit brauche. Mit der nötigen Flexibilität und Disziplin kann ich das große Pensum organisieren und bewerkstelligen.

Welche Hobbys haben Sie, und kommen Sie dazu?

Oh, ich fühle mich zu Hause sehr wohl und kann hier neue Kräfte sammeln. Wenn es die Zeit zulässt bin ich im Garten, lese gerne, mache Handarbeiten und höre Musik. Mein Hund bringt mich zu kleinen Spaziergängen im Wald (lacht). Ich habe einen Segelschein gemacht... und plane in diesem Jahr auf dem Maschsee zu segeln. Einige Kinder der butze haben dort schon den Segelgrundschein absolviert – wir sind dabei dieses Projekt weiter zu entwickeln!

Was bedeutet Ihnen das Engagement hier in der butze? Wie können Sie es mit Ihrem Privatleben vereinbaren?

Ich habe einen sehr hohen Anspruch an mich selbst. Ich stelle mich ganz und gar den Anforderungen und bin mir unserer Verantwortung bewusst. Mein Beruf ist auch mein Hobby und so engagiere ich mich leidenschaftlich für die Kinder. Was aber nicht heißt, dass ich keinerlei Grenzen zwischen Privat- und Berufsleben setze.

Gibt es etwas, das Ihnen besonders leicht fällt? Was mach ihnen am meisten Spaß?

Im Kindertreffpunkt butze 22 bin ich von der Vielfalt und der Herzlichkeit fasziniert. Die Kommunikation, die Interaktion, das ganze Miteinander ist sehr vielfältig und dabei stehen die besonderen Bedürfnisse der Kinder im Mittelpunkt. Talente der Kinder zu entdecken und fördern, für sie und mit Ihnen Neues zu entwickeln, Projekte organisieren, Mitarbeiter gewinnen, beteiligen, fördern und bei allem genau im Detail hinschauen. Gerne bespreche ich mich mit dem Team und freue mich auf die gemeinsame Umsetzung. Häufig kommt etwas Unerwartetes – dann gehe ich gerne soweit es möglich ist spontan darauf ein. So habe ich zum Beispiel einem Jungen bei seinem Wunsch einen Praktikumsplatz im Flughafen Hannover zu bekommen, erfolgreich helfen können. Er ist unglaublich stolz und erzählt von seinen Erfahrungen.

Ich liebe das Gefühl, sinnvolle und wichtige Arbeit zu machen – zu schauen: Wo sind Ansatzpunkte? Was braucht das Kind gerade jetzt? Wo kann ich, wo und wie können wir individuell fördern? Es sind einfach die vielseitigen Herausforderungen, die Kinder, das Mitarbeiterspektrum, die internen und externen Aufgabengebiete und Einsatzmöglichkeiten, die mich begeistern.

Was fällt Ihnen schwer oder macht Sie traurig im Zusammenhang mit dem Projekt?

Es macht mich traurig zu sehen, dass hier insbesondere die Kleinen schon Belastungen ausgesetzt sind und einen familiären „Rucksack“ mitschleppen.

Was ist das schönste Erlebnis, dass Sie hier gehabt haben?

Es war eine wunderschöne Bestätigung unserer Arbeit, als wir im Jahr 2010 durch die TUI-Stiftung ausgezeichnet wurden. Vom Stadtbezirksrat Kirchrode / Bemerode / Wülferode wurde ich in 2011 mit der Ehrenplakette ausgezeichnet. Diese Ehrungen tun gut und geben Ansporn, weiterhin gute Arbeit zu leisten! Es ist wunderbar, immer wieder zu sehen und zu hören, dass unsere Einrichtung für die Kinder sehr wichtig ist. Die butze ist ein fester, über die Maßen positiver Bestandteil ihres Lebens, an dem sie so sein können, wie sie sind. Ein Ort, an dem sie mit Liebe beachtet, gefordert und gefördert werden.

Haben Sie ein Motto oder einen persönlichen Leitgedanken, den wir zitieren dürfen?

Es ist nach wie vor das Motto „Ich bin wertvoll, Du auch“ in dem alles enthalten ist, was unser Leitbild ausmacht.

Wie sehen Sie ihre persönliche Zukunft?

Ich fühle mich hier richtig und kann mir zur Zeit keinen besseren Arbeitsort vorstellen.

 

Interview: Brigitte Haup, 28.05.2014