Bürgerstiftung Hannover

Bennos Keyboard

 

Im Herbst 2011 lernte ich Benno näher kennen. Er war seit Beginn des Schuljahres 2011/12 an unserer Schule, einer Förderschule mit dem Schwerpunkt Lernen, und ging in die 7. Klasse.

Benno, gerade 13 Jahre alt, war mir bisher nur durch seine wirren Haare, seine verrückten Geschichten über die Üstra (Benno kann sowohl den Fahrplan der Üstra als auch der S-Bahnen ziemlich sicher auswendig) und den Bauchredner Sascha Grammel aufgefallen. Mit dessen schrulligen Dialogen begrüßte er mich, seitdem er wußte, dass ich Sascha Grammel ebenfalls kannte und ebenso witzig fand. Über diese Begrüßung nahm Benno gezielt Kontakt mit mir auf. Er wußte, dass ich die Musiklehrerin an der Schule bin und im Musikraum ein Flügel steht, der gestimmt und in Ordnung ist.

Auf diesem Flügel wollte Benno mir unbedingt etwas vorspielen. Über mehrere Wochen hinweg fragte, ja nervte mich Benno schon morgens vor Beginn des Unterrichts und in den Pausen, ob er mir ein Stück auf dem Flügel vorspielen dürfe. Schließlich verabredete ich mich mit ihm an einem Montag in der ersten großen Pause im Musikraum, in der Hoffnung, dass ich dann meine Ruhe hätte. Ich schloss Benno also den Flügel auf, er war ganz aufgeregt und machte ununterbrochen seine Sprüche über die Üstra und Sascha Grammel. Als er dann vor dem geöffneten Flügel saß und seine Finger auf die Tasten legte, wurde er ganz ruhig und konzentriert und spielte ein Stück aus der Popmusik. Dabei spielte er mit drei Fingern der rechten Hand die Melodie, rockig und rhythmisch sicher und begleitete sich mit nur zwei Fingern der linken Hand.

Ich hörte zu, war tief beeindruckt und gerührt, dass er so lange immer wieder nachgefragt hatte und auch beschämt, denn ich hatte nur "Geklimper" erwartet. Benno erzählte mir, dass er die Stücke hört, sie sich sofort im Kopf merkt und "nachspielt". Er hatte mal ein Keyboard, das war aber durch ausgelaufenen Orangensaft unbrauchbar geworden. Ich war so beeindruckt, dass ein Junge, der zu Hause keinerlei musikalische und sonstige Förderung und Unterstützung erfährt, so spielen kann und dass die Musik ihm so viel bedeutet, dass er nicht aufgegeben hat, mich zu "nerven".

Zu Hause erzählte ich meinem Mann von dieser musikalischen Begegnung mit Benno. Er überlegte sofort, wie Benno längerfristig musikalisch gefördert werden könnte. Ich berichtete auch, dass Benno aus einer so genannten bildungsfernen Familie stamme, die von der Sozialhilfe lebt, also professioneller Unterricht nicht bezahlbar sei. Mein Mann, der zu der Zeit im regen Austausch über die musikalische Breitenförderung mit der Kulturdezernentin, Frau Drevermann, stand, erzählte ihr von Benno. Sie stellte daraufhin den Kontakt zu der Leiterin der Städtischen Musikschule, Frau Tschira her.

Bei einem gemeinsamen Gespräch, zu dem dann auch Frau Hartmann vom Projekt "Musikpaten" der Bürgerstiftung Hannover stieß, wurde vereinbart, dass Benno unbedingt gefördert werden sollte. So stellte die Musikschule Benno ein neues Keyboard zur Verfügung, das seit November 2011 in der Förderschule steht. So hat Benno die Möglichkeit zum Üben. Zum Keyboardunterricht, der zunächst in der Schule stattfand, geht Benno bis heute regelmäßig in die Städtische Musikschule. Sein Lehrer, Andreas Bürgel, ist ein Glücksfall für Benno. Denn Herr Bürgel hat genau die richtige Art, um Benno zu fördern, gleichzeitig aber auch zu fordern, ihn aber auch einfach spielen und komponieren zu lassen.

Wenn Benno krank ist oder nicht kann, meldet er sich ab. Benno nimmt den Unterricht und das tägliche Üben sehr ernst. Bis heute kommt Benno jeden Tag schon um 7.30 Uhr in die Schule. Die Konrektorin lässt ihn in die Schule und so kann Benno bis zum Unterrichtsbeginn um 8.15 Uhr seine Stücke und Fingerübungen am Keyboard trainieren. Die Kosten für den Unterricht werden seit Beginn vom Projekt MuPa bei der Bürgerstiftung Hannover übernommen.

Für Benno ist diese großzügige Unterstützung durch die städtische Musikschule und "MuPa" ein Segen und ein Stück weit Rettung und Perspektive aus einer sehr belastenden Lebenssituation herauszukommen. Das regelmäßige, morgendliche Üben hilft Benno außerdem, sich auch besser auf den allgemeinen Unterricht konzentrieren zu können. Nun gibt es auch eine Schulband an der Förderschule, die Benno ins Leben gerufen hat. Plötzlich gab es einen Schüler, der an einer anderen Schule mal Schlagzeug gelernt hatte. An der Förderschule stand schon lange ein ungenutztes Schlagzeug, das niemand mehr spielte. Nun wird es wieder regelmäßig genutzt. Diese beiden Schüler üben zweimal die Woche gemeinsam in zwei großen Pausen. Sie haben wiederum noch weitere Schüler motiviert, in der Band mitzuspielen. So werden Bennos Stücke auf dem Schlagzeug und auf Kongas, Kangstäben und Rhythmusinstrumenten begleitet.

Für Benno und seine Mitschüler ist die Schulband-AG am Mittwoch in der 6. Stunde das "Highlight" der Woche. Auch wenn Bennos Haare immer noch wild vom Kopf abstehen, erzählt Benno kaum noch von der Üstra und gar nicht mehr von Sascha Grammel. Stattdessen von den vielen Musikstücken, die er ausprobiert hat, und von eigenen Kompositionen, die er mit Herrn Bürgel aufgenommen hat und die alle zu Gehör gebracht werden müssen. Seine Mitschüler bewundern ihn dafür, und diese positive Rückmeldung ist für Benno so wichtig wie die Musik selbst. Benno ist dankbar, dass er diese Chance bekommen hat, die auch Rettung für ihn bedeutet, und ich bin allen Beteiligten dankbar, die gesehen haben, dass Benno diese Chance verdient hat.

Anna-Luise Bäßler, Lehrerin an einer Förderschule mit Schwerpunkt Lernen